Streit und Schubsereien gibt’s an jeder Schule. Doch was tun, damit sie nicht in Gewalt ausarten? Die Streitschlichter/-innen zeigen ihren Mitschülern, wie das funktioniert.

Miguel, 15, und seine Streitschlichter-Kollegin Julia haben Pausendienst. Der erste Einsatz lässt an diesem Vormittag nicht lange auf sich warten: Tim und Lukas aus der 6. Klasse kreuzen im Streitschlichter-Raum auf. Sie haben sich gestritten und geprügelt. Eine Lehrerin hat sie zu den Streitschlichtern geschickt. Jetzt vereinbaren die beiden mit Miguel und Julia einen Termin für ein Schlichtungsgespräch. „Grundsätzlich dürfen wir das Schlichtungsge-spräch während der Schulzeit durchführen, erklärt Miguel. „Wir sind aber dazu verpflichtet, die Lehrer und Lehrerinnen zu informieren und den verpassten Unterrichtsstoff nachzuholen.“
Tim und Lukas erscheinen pünktlich zum vereinbarten Termin. Miguel teilt ihnen die Regeln der Streitschlichtung mit:
1. Das Gespräch ist vertraulich, d.h. niemand anderes erfährt davon.
2. Die Streitschlichter/-innen sind neutral und ergreifen keine Partei.
3. Niemand wird verurteilt oder bestraft, denn die Streitschlichtung ist kein Gerichtsverfahren.
4. Jeder darf ausreden.
5. Niemand wird beleidigt, beschimpft oder angegriffen.
6. Diese Regeln müssen von allen Beteiligten eingehalten werden.
Verschiedene Sichtweisen
Tim und Lukas akzeptieren die Regeln. Dann bittet Miguel die beiden Streithähne, jeweils aus ihrer Sicht zu erzählen, wie es zum Konflikt kam. Tim trommelt nervös mit den Füßen und schießt los: „Wir hatten Erdkunde. Lukas, der viel besser in Erdkunde ist als ich, hat sich gelangweilt und angefangen mich zu ärgern. Erst hat er mich nur leicht gestupst. Ich hab nicht darauf reagiert. Er hat sich dann mein Heft genommen und darin rumgeschmiert. Ich habe mich nur gewehrt. Unser Lehrer hat uns schließlich beiden eine Strafaufgabe erteilt, obwohl ich unschuldig war. Nach der Stunde habe ich Lukas aus Versehen angerempelt und er hat mich dann geschlagen.“
Lukas rutscht während Tims Bericht auf seinem Stuhl hin und her. Es fällt ihm schwer, Tim nicht ins Wort zu fallen. Doch bevor er seinen Standpunkt schildern kann, bittet Miguel ihn, die Ausführungen von Lukas zu wiederholen. „Für viele keine leichte Aufgabe. Aber das ist sehr wichtig, denn nur so können wir sicher sein, dass die Schülerinnen und Schüler sich zuhören und in den anderen einfühlen,“ so Miguel. Nachdem Lukas Tims Standpunkt wie-derholt hat, kann er endlich seine Version der Geschichte los werden: „Ich wollte Tim nicht ärgern, sondern ihn nur was fragen. Als er nicht reagiert hat, wollte ich ihm die Frage ins Heft schreiben. Ich finde es ungerecht, dass Tim mich dann sofort beschimpft hat und ich auch noch vom Lehrer bestraft wurde. Später hat Tim mich dann nicht aus Versehen, sondern mit voller Absicht angerempelt. Natürlich habe ich mich dann gewehrt.“ Nun muss Tim Lukas Version wiederholen. Im weiteren Gespräch wird deutlich, dass ein Missverständnis Auslöser des Konflikts war. Beide haben sich nicht richtig verhalten.
Schritte zur Lösung
Als nächstes fordert Miguel die beiden auf, sich Lösungen für ihren Konflikt zu überlegen. Gemeinsam vereinbaren sie, sich künftig aus dem Weg zu gehen. Wenn sie den anderen während des Unterrichts etwas fragen wollen, schreiben sie ihre Frage auf einen extra Zettel und nicht in das Heft des anderen. Miguel und Julia halten diese Vereinbarung schriftlich fest und lassen sie von Tim und Lukas unterschreiben. Die beiden versprechen, sich in Zukunft daran zu halten. Miguel und Julia sind zufrieden. Sie haben das Gefühl, dass die Lösung funktioniert und sich beide an die Abmachung halten werden. „Das ist nicht immer so“, sagt Miguel. „Wenn ich den Eindruck habe, dass die Schüler sich nicht an ihre Vereinbarung hal-ten, kontrolliere ich das unauffällig nach zwei bis drei Wochen.“ Er spricht dann andere Schü-ler oder auch Lehrer an und fragt, ob sie etwas Negatives beobachtet haben. Wenn ja, kon-frontiert Miguel sie damit. Haben sie die Vereinbarung gebrochen, wird meistens ein weiteres Streitschlichtungsgespräch anberaumt, um eine neue Lösung zu finden.
Miguel ist seit einem Jahr bei den JRK-Streitschlichtern und absolut begeistert von dieser Aufgabe. „Seitdem“, so Miguel, „hat sich für mich einiges verändert.“ Viel hat er während einer halbjährigen Ausbildung zum Streitschlichter gelernt: über die Auslöser von Konflikten und den Umgang mit Gefühlen. Auf dem Schulhof ist er mittlerweile bekannt und seine Mit-schüler/-innen respektieren ihn. Seit die Streitschlichter aktiv sind, ist das Klima an der Schu-le nämlich viel besser geworden. Viele Schüler/-innen wenden sich bei Konflikten von alleine an sie. Auch die Lehrer/-innen unterstützen ihre Arbeit.
Michaela Roeder
Das JRK-Streitschlichterprogramm hat zum Ziel, Schüler/-innen ab der 7. Klasse in die Lage zu versetzen, Konflikte unter Mitschüler/-innen zu schlichten. Dafür lernen sie, sich in andere Menschen einzufühlen, mit Gefühlen umzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Die Ausbildung zum Streitschlichter erfolgt in der Regel durch Lehrer/-innen, die vom JRK zum Coach geschult werden und anschließend im Rahmen einer Mediations-AG das Streitschlichterprogramm in der Schule einführen. In einigen Landesverbänden bietet das JRK die Streitschlichterausbildung auch direkt für Schüler/-innen an.
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