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Klimawandel und Migration

Klimawandel macht Teufelskreis der Armut zur Abwärtsspirale ohne Ausweg

Mehr als 30 Teilnehmer folgten am 13.5.2013 der Einladung der klima-allianz deutschland und des Jugendrotkreuzes zum Workshop „Klimabedingte Migration“

Im Anschluss führte die klima-allianz deutschland ein Interview mit Jessica Fritz, Bildungsreferentin beim Jugendrotkreuz und Sophia Wirsching, Beraterin für Migration und Entwicklung bei Brot für die Welt.

klima-allianz deutschland:
Was ist klimabedingte Migration?

Jessica Fritz: Klimamigranten sind Menschen, die aufgrund von Klimawandelfolgen ihre Heimat verlassen. Allerdings gibt es keine völkerrechtlich verbindliche Definition, weil Umweltveränderungen nicht zwangsläufig die alleinige Ursache für eine Abwanderung sind. Fakt ist aber, dass die Gründe für eine dauerhafte Flucht aufgrund des Klimawandels verstärkt werden. So ist davon auszugehen, dass in Zukunft Dürrekatastrophen, Überschwemmungen und andere Unwetter häufiger und intensiver auftreten und damit die Gründe für eine Migration noch zahlreicher werden.

Jessica Fritz, Bildungsreferentin beim Jugendrotkreuz

Wie viele Menschen sind von klimabedingter Migration betroffen?

Jessica Fritz: Das lässt sich sehr schwer beantworten, da es keine offiziellen Statistiken von Menschen gibt, die aufgrund von Umweltveränderungen ihre Heimat verlassen. Denn um die betreffenden Personen zu erfassen, müsste zunächst klar sein, wer Klimamigrant ist und wer nicht. Außerdem bleiben die meisten Klimamigranten in der Nähe ihrer Heimat. Sie wandern entweder innerhalb ihres eigenen Landes in eine andere Region ab oder fliehen in ein benachbartes Land. Bereits heute sind viele Menschen von Klimamigration betroffen. So gibt es z.B. viele pazifische Inseln, die schon jetzt vom Meeresspiegelanstieg bedroht sind und deren Bewohner teilweise umsiedeln müssen.

Sophia Wirsching:  Man kann verschiedene Anlässe von klimabedingter Migration unterscheiden: Erstens, Klima-„Flüchtlinge“, die nach einer akuten Bedrohung, wie z.B. Naturkatastrophen wieder in ihre Heimat zurückkehren. Zweitens Klima-„Migranten“, die aufgrund von Einkommensverlust bzw. dem Entzug ihrer Lebensgrundlage ihre Heimat dauerhaft oder nur zeitweise verlassen müssen und drittens, Klima-„Exilanten“, deren Land unwiederbringlich verloren ist, insbesondere durch den Meeresspiegelanstieg.
 
Was sind die Gründe für klimabedingte Migration?

Sophia Wirsching: Das Thema Migration kann nicht direkt mit dem Klimawandel verbunden werden, aber es gibt Faktoren, die die Armut verstärken. Es besteht die Gefahr, dass große Ökosysteme, die bereits kurz davor sind zu kippen, durch den Klimawandel gänzlich zerstört werden. Da ist die globale Nahrungsmittelproduktion und deren Verteilung, die jetzt schon dazu führt, dass fast 900 Millionen Menschen jeden Tag Hunger leiden. Der Klimawandel wird diese negative Entwicklung weiter verstärken. Die Wasserversorgung ist ebenfalls in vielen Gegenden der Erde schon heute sehr problematisch. Es wird damit gerechnet, dass bis 2080 zusätzlich bis zu 3 Mrd. Menschen ohne Zugang zu ausreichend Wasser leben werden. Ein weiterer Grund ist der Meeresspiegelanstieg, der in vielen Gebieten der Welt bereits Realität ist. Alle Szenarien weisen darauf hin, dass auch Unwetterkatastrophen in der Häufigkeit und der Intensität zunehmen werden.       
Ein weiteres Problem, wenn nicht sogar eines der dringlichsten, ist die anhaltende Degradation von Ökosystemen weltweit. So hängt vor allem in ärmeren Ländern die Lebensgrundlage von Menschen zu 100% von intakten Ökosystemen ab.

Gibt es Prognosen, wie viele Menschen in der Zukunft betroffen sein werden, wenn der Klimawandel wie bisher voranschreitet?

Sophia Wirsching: Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass bis 2050 50-250 Millionen Menschen aufgrund von Klimaveränderungen auf der Flucht sein werden oder zumindest ihre Heimat temporär verlassen müssen. Eine Studie kommt sogar zu dem Ergebnis, dass bis zu 1 Milliarde Menschen von Klimamigration bedroht sind. Es lässt sich aber nicht genau vorhersagen, wie viele Menschen betroffen sein werden, wenn wir nicht einmal eine gültige Definition des Phänomens haben.

Sophia Wirsching, Beraterin für Migration und Entwicklung, Brot für die Welt

Brauchen wir neue oder andere Asyl-Gesetze, um in Zukunft einfacher Klimamigranten aufzunehmen?

Sophia Wirsching: Grundsätzlich sollten Asylgesetze es ermöglichen, Schutzbedürftigen Aufenthalt zu gewähren. Auf lange Sicht ist das möglicherweise auch hier in Europa im Kontext Klimaflucht notwendig, aber im Wesentlichen muss es darum gehen, das Klima so zu schützen und Klimawandelfolgen so zu begegnen, dass Menschen gar nicht erst dazu gezwungen werden, ihr Land zu verlassen. Parallel dazu müssen bestehende Anpassungsmaßnahmen in betroffenen Ländern mit betroffenen Gruppen entwickelt und weiter ausgebaut werden.

Wie kann den Menschen geholfen werden?
Jessica Fritz: Wie eben schon angeklungen, muss es in erster Linie darum gehen zu gewährleisten, dass die Betroffenen in ihrer Heimat bleiben können, wenn sie dies möchten. Dazu müssen die Lebensgrundlagen der Menschen vor Ort dauerhaft gesichert werden, beispielsweise durch langfristige Klimaanpassungsmaßnahmen. Bei Extremwetterereignissen wie Stürmen oder Dürrekatastrophen zählt jedoch nur noch die humanitäre Hilfe vor Ort. Wenn keinerlei Möglichkeiten zur Anpassung mehr bestehen und auch die Notfallprogramme nicht ausreichen, dann ist Flucht oftmals der letzte Ausweg. Die Bundesregierung und die internationale Staatengemeinschaft müssen daher Lösungen zum Schutz von Klimaflüchtlingen finden, die keine Möglichkeit haben, in ihrer Heimat zu bleiben. Dafür sollte Migration als Normalfall und Anpassungsmaßnahme anerkannt werden.

Welche Antworten gibt die internationale Gemeinschaft auf das Thema?

Sophia Wirsching: Leider erschreckend wenige. Die einzig positive Tendenz ist, dass das Thema mittlerweile z.B. auch Einzug in die internationalen Klimaverhandlungen gefunden hat und auch beim UNHCR (UN-Flüchtlingshilfswerk) wahrgenommen wird. Aus dieser Anerkennung ist mittlerweile die sogenannte Nansen-Initiative entstanden. Sie hat das Ziel eine internationale Schutzagenda oder schlussendlich sogar eine Konvention auszuarbeiten. Es gibt viele Potenziale die juristischen Fragen im Völkerrecht zu lösen, allerdings passiert hier momentan sehr wenig. Hier müsste die Zivilgesellschaft Druck aufbauen, damit die Themen endlich auf höchster politischer Ebene verhandelt werden.

Gibt es Länder, die mit einem guten Beispiel voran gehen?

Sophia Wirsching: Manche Staaten, wie Bangladesch, stellen sich den Herausforderungen bereits heute. Migration wird in nationale Anpassungspläne und Entwicklungsstrategien integriert. Das ist ein richtiger Ansatz – wichtig ist auch, dass regionale Lösungen gefunden werden. Die Kampala-Konvention ist so ein Beispiel. Sie ist gerade letztes Jahr in Kraft getreten und verpflichtet afrikanische Staaten, Flüchtlinge zu schützen – auch diejenigen, die aufgrund von Umweltveränderungen ihr Heimatland verlassen.

Wie kann man das Thema in die Öffentlichkeit tragen?

Jessica Fritz: Ich denke hier kommt es im Wesentlichen auf eine ehrliche Kommunikation an, die Zusammenhänge erkennbar macht und mit logischen Argumenten aufklärt. Wir müssen klar machen, dass Menschen aufgrund von Klima- und Umweltveränderungen dazu gezwungen werden ihre Heimat zu verlassen und dies nicht freiwillig tun.

Sophia Wirsching: So kann man auch verhindern, Abwehrhaltungen gegenüber Flüchtlingen zu erzeugen und verdeutlichen, dass der Klimawandel ganz eindeutig eine Frage der globalen Gerechtigkeit ist.

Was können wir als Zivilgesellschaft tun?

Sophia Wirsching:  Es müssen viel mehr Ressourcen in die Bildungsarbeit investiert werden, denn Bildung ist immer die Grundlage für einen grundlegenden Wandel. Darüber hinaus sollte das Thema in Verbänden angesprochen werden. Eine Idee, die im Workshop entstanden ist, ist es mit verschieden Verbänden zusammen ein Positionspapier zu diesem Thema vorzulegen um auch gegenüber der Politik eine klare Position zu beziehen.

Jessica Fritz: In diese Richtung geht auch die Kampagne des Jugendrotkreuzes mit dem Titel „Klimahelfer. Änder’ was, bevor’s das Klima tut“.  Wir wollen mit der Kampagne die Zusammenhänge zwischen Klimaanpassung, Klimaschutz und klimabedingter Migration vermitteln und Jugendliche dazu motivieren, sich mit eigenen Projekten zu engagieren. Im Rahmen der Kampagne fordert das Jugendrotkreuz von der Bundesregierung beispielsweise auch den Erlass gesetzlicher Grundlagen zum Schutz und zur Aufnahme von Klimamigranten. Damit wollen wir das Thema in das öffentliche Bewusstsein bringen. Denn um die Forderung auf die politische Agenda zu setzen, ist ein breites zivilgesellschaftliches Bündnis notwendig.

Das Interview führte Malte Hentschke von der klima-allianz deutschland www.klima-allianz.de

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