Hardy Schotten hat den Sprung vom Ehren- ins Hauptamt geschafft: Angefangen hat er als JRK-Mitglied, heute ist er Erste-Hilfe-Ausbilder. Unter anderem.

88 Jahre alt wäre Hardy Schottens ehemaliger Gruppenleiter heute. Damals, Anfang der 80er, als Hardy beim JRK anfing, hatte der Gruppenleiter immerhin schon 63 Lenze auf dem Buckel. Auch damals ein hohes Alter für einen JRK-Gruppenleiter im beschaulichen Kapellen, einem Ortsverein im Kreisverband Grevenbroich bei Düsseldorf. „Mein bester Freund nahm mich mit in die Gruppenstunde, als ich 15 war. Er kam nur zweimal, ich bin dabei geblieben“, erinnert sich Hardy an seine Anfänge. Im JRK habe er schnell Leute mit gleichen Interessen gefunden. Zumal er es in der Schule nicht leicht hatte. Dort sei er immer der Jüngste gewesen „und da ließ sich immer gut drauf rumhacken“.
Mit 17 Jahren übernimmt er den Job von seinem Vorgänger und fasst so Fuß als JRK-Führungskraft. Obwohl der Gruppenleiter-Oldie ein Vorbild für Hardy Schotten war – der Übergang lief nicht ganz so reibungslos: „Er kam auf mich zu und sagte, ich solle das übernehmen. Das habe ich gemacht, aber es war ihm dann nicht recht. Ich vermute, er konnte einfach nicht loslassen.“

Erste Hilfe statt Fließband
In den 80ern und frühen 90ern steigt Hardy Schotten vom Teilnehmer am allerersten Gruppenleiter-Lehrgang in Nordrhein zum Ortsvereins- und Kreisleiter auf. Währenddessen macht er eine Lehre als Elektriker und arbeitet drei Jahre in dem Job. Doch die Fließbandarbeit schmeckt ihm nicht. Sein Glück, dass das DRK 1993 einen hauptamtlichen Ausbilder, bis heute den einzigen im Kreis Grevenbroich, sucht. Er bewirbt sich und wird genommen. Die Voraussetzungen bringt Hardy mit: Er arbeitet gern mit Menschen, seine Lehrgänge in Erster Hilfe und zum Sanitätsausbilder kommen ihm ebenso zupass. Obwohl er nun eigentlich dieselbe Arbeit gegen Geld macht wie als Ehrenamtlicher, ist der Start wieder etwas holprig: „Ich musste alles neu aufbauen, weil meine Vorgängerin viel Porzellan zerschlagen hatte.“
Parallel ruft er ab 1993 das Jugendrotkreuz in Grevenbroich ins Leben zurück und rennt damit beim Vorstandsvorsitzenden offene Türen ein. „Der küsste mir fast die Hände“, erinnert sich Hardy mit einem Schmunzeln. „Der Ortsverein hatte vorher eine Blütezeit gehabt, aber danach gab es ihn vier bis fünf Jahre überhaupt nicht“, erklärt er. Der Vorstand wusste den Wert von Jugendarbeit zu schätzen und unterstützte ihn nach Kräften.

Keine Kriegsgefahr, keine Fördergelder
Die Pflege des neuen JRK-Pflänzchens übernimmt der Ausbilder neben seinem Hauptamt. Das führt ihn freitags hinter seinen Schreibtisch im Kreisverband Grevenbroich und an vier Tagen in der Woche in Schulen und Betriebe, wo er die Kursteilnehmer in Erster Hilfe unterweist. So ist auch der erste Schulsanitätsdienst (SSD) aus einem Kurs an einem Gymnasium entstanden – heute hat dieser über 30 Mitglieder. „Das ist unser Vorzeige-SSD“, sagt Hardy und schmunzelt, „denn er funktioniert ganz ohne Lehrer. Die älteren Schüler ab Klasse 11 bilden die jüngeren aus.“
Der Ausbilder ist gefragt, sein Terminkalender voll, 800 bis 900 Personen pro Jahr lernen bei ihm Erste Hilfe. Kritisch beurteilt er die Fördergeld-Streichung in Bezug auf die Erste-Hilfe-Ausbildung nach der Wende in den 90er Jahren. „Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Die Kriegsgefahr ist vorbei, also gibt es keinen Zuschuss mehr für die Ausbildung in Erster Hilfe“, ärgert er sich.
Teurer als Jugendarbeit ist nur: keine Jugendarbeit
Trotz seines Hauptamtes mischt Hardy Schotten immer noch fleißig in Grevenbroich mit, auch wenn er den Ortsverein seit 2005 nicht mehr leitet, sondern „nur“ noch Schatzmeister und Geschäftsführer ist. Vier seiner ehemaligen Gruppenkinder sitzen mittlerweile ebenfalls im Vorstand. „Ja, die Grenzen zwischen Hauptamt und Ehrenamt verschwimmen“, räumt der 42-Jährige ein. Ein Problem hat er damit nicht, denn „die Leute erwarten von einem, dass man rund um die Uhr im Einsatz ist.“ Gerade hat er seine 36. Fahrt mit Kindern ins Lager hinter sich, inklusive der Organisation. Dass Kinder und Jugendliche in Vereinen wie dem JRK an die Hand genommen werden, hält Hardy für wichtig: „Teurer als Jugendarbeit ist nur: keine Jugendarbeit.“ Nur so ließen sich etwa Bereitschaften über die Jahre halten und mit Nachwuchs versorgen.
Was ihn an seiner Arbeit begeistert? „Wenn ich Leute im Kurs habe und das Leuchten in ihren Augen sehe, weil sie es verstanden haben. Wenn sie zu einem kommen und sagen ,So hat mir das noch keiner erklärt. Jetzt habe ich es begriffen.´“ Diese Freude möchte er sich und den Teilnehmern auch weiterhin machen, bis zur Rente, wenn´s geht. „Ich bin die Prostituierte im Roten Kreuz. Was anderen Spaß macht, dafür werde ich bezahlt“, sagt Hardy und lacht. Die JRK-Verantwortung, die möchte er irgendwann mal in jüngere Hände geben: „Ich will nicht mit 60 Jahren noch vor einer Jugendgruppe stehen und für die den Kasper spielen.“
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