Mit vollem Herzen dabei

Vom JRK Gruppenkind zum Mitarbeiter beim DRK Suchdienst: Christian Hörl über die Gründe, warum er dem Verband immer noch treu ist. 

Christian Hörl im DRK-Generalsekretarist.
Suchdienst im Einsatz: Im Notfall gibt Christian möglichst schnell Auskunft über vermisste Personen.

„Das war natürlich Zufall“, sagt Christian auf meine Frage, warum er denn ausgerechnet in einer JRK-Gruppe gelandet ist. Ein Klassenkamerad hat ihn mitgenommen, damals in Neu-Ulm. Heute, das ist Berlin, DRK-Generalsekretariat, Abteilung Suchdienst im Bereich Nationale Hilfsgesellschaft und Internationale Zusammenarbeit, blaue Flure, offene Büros mit Glastüren, Rotkreuz-Plakate an den Wänden.

Wir sitzen in seinem Büro mit Blick direkt ins Grüne. Mehrere Anläufe haben wir gebraucht für unseren Gesprächstermin. Seine Arbeit als Beauftragter für das Amtliche Auskunftsbüro verlangt viele Dienstreisen. Er koordiniert bundesweit die Anlaufstellen auf Landes- und Kreisverbandsebene, die im Katastrophenfall Auskunft geben über vermisste oder verletzte Personen.

"Man rutscht schnell in die Verantwortung"
Dass er mal im Generalsekretariat landet, dass habe er sich so nicht ausgemalt. Am Anfang stand nur die Begeisterung für „die ganze Rotkreuz-Idee“. Er klopft mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein Blitzen in den Augen. "Mit anderen etwas zu tun für jemand anderen.“ Für diese Idee hat er schnell Engagement gezeigt: Mit 16 Jahren Gruppenleiter, dann Bereitschaftler und Erste Hilfe-Ausbilder. Eine konstante Übernahme von ehrenamtlichen Aufgaben. Er drückt das so aus: „Man ist irgendwie bereit, wird gefragt und rutscht dann ganz schnell in die Verantwortung“. So läuft das also im Ehrenamt? Nicht ganz. Die Verantwortung habe er bewusst übernommen. „Ganz oder gar nicht“. Manchmal sei es auch belastend gewesen, dafür gerade zu stehen, dass die Dienste der Gruppe z.B. bei der Blutspende gut laufen. Aber das positive Feedback hat überwogen. „Die Erwachsenen im Roten Kreuz akzeptieren dich als vollwertig. Du bist da nicht bloß der kleine JRKler, sondern auch bei Notfällen als helfendes Mitglied anerkannt.“

Es war eben auch alles sein Hobby. Das erst mal weggefallen ist, als er in Konstanz begann, Jura zu studieren. Eine Phase der Neuorientierung. Aber nach einem dreiviertel Jahr hat Christian gemerkt, dass ihm was fehlt und er ist im Ortsverein Konstanz wieder in den Bereitschaftsdienst eingestiegen: Sanitätsdienste bei Veranstaltungen, Rettungsdienst, Unterstützung der Feuerwehr bei Bränden. „Du bist wieder schneller drin, als du gucken kannst“, meint er beiläufig.

Christian Hörl. Mitarbeiter DRK-Suchdienst.
Immer erreichbar: Christian ist Ansprechpartner für die Suchdienstmitarbeiter der Landes- und Kreisverbände

Die grenzüberschreitende Idee
Und dann war da ja auch noch die Idee, die dahinter steht. Das Helfen wollen. Losgelöst von konfessionellen Hintergründen. Das Grenzübergreifende habe ihn immer angezogen. „In der Rotkreuzgemeinschaft sind Christen genauso zuhause wie Muslime oder  Atheisten.“ Wieder klopft er auf den Tisch, sein Blick schweift zum Fenster, nach draußen. „Ich finde es faszinierend, dass in 183 Ländern dieser Welt die Leute nach den gleichen Grundsätzen handeln. Das ist nicht nur ein deutscher oder europäischer Gedanke, sondern ein weltweiter Gedanke.“


Schwerpunkt Völkerrecht
So verwundert es nicht, dass er während seines Studiums Völkerrecht und Europarecht als Schwerpunkte auswählte. Juristisch fand er die ganze internationale Rechtsmaterie interessant, die Art und Weise, wie man versucht durch Recht, einen Extremfall wie Krieg zu regeln. So hat er sich noch mal von einer neuen Seite an die Rotkreuz-Idee herangetastet – daran wie Standards für einen würdigen Umgang mit Menschen in Kriegen und Konflikten im Humanitären Völkerrecht verankert sind. Viele Jobs gibt es für Juristen in diesem Bereich nicht. Bis zum Ende des Studiums hat Christian gedacht, er wird Anwalt. Aber genau nach seinen Prüfungen zum zweiten Staatsexamen war im Generalsekretariat die Stelle im Suchdienst ausgeschrieben. Zufall? Jedenfalls hat er sie bekommen. Wohl auch weil er einen Teil seines Referendariats im Generalsekretariat in der Abteilung Internationales Recht verbrachte, z.B. mit dem Schreiben von Positionspapieren zur Behandlung von Kriegsgefangenen im Irak-Krieg.

Zwischen Management und Basis
Seine Arbeit im Suchdienst hat nur noch marginal mit Humanitärem Völkerrecht zu tun. Er bewegt sich vielmehr in den Sphären von Management und Organisation. Das birgt Gefahren, „dass ein gewisse Distanz entsteht zwischen den Dingen, die wir so machen und den Dingen, die das Ehrenamt braucht.“ Wer könnte dem besser entgegen wirken als jemand, der mal Ehrenamtler war? So macht ihm auch „der direkte Kontakt mit der Basis“ am meisten Spaß, die Vorort-Gespräche mit den ehrenamtlichen Kollegen und die Leitung von Weiterbildungsseminaren. Man könne viel bewirken durch Interesse, Motivation und persönlichen Austausch. Entscheidungen, die er trifft, haben Auswirkungen in ganz Deutschland.

Ohne Rotes Kreuz geht's nicht
Doch ihn zieht es weiter – in die Ferne. Das „Basic Training for Delegates“ hat er schon absolviert. Das Englisch reicht aus und der Französisch-Kurs ist gebucht. Afrika, Asien oder Südamerika. Humanitäre Soforthilfe oder Projektkoordinierung für die DRK-Auslandshilfe schwebt im vor. Kommt denn ein Job außerhalb des Roten Kreuzes für ihn überhaupt in Frage? Ohne die weltumspannende Idee des Helfens als Basis? Ja, es gibt „unausgegorene Gedanken, sich irgendwann mal selbständig zu machen, auf eigenen Füßen zu stehen“. Aber ganz ohne Rotes Kreuz? Das könne er sich nicht vorstellen. „Über kurz oder lang würde ich mich wieder ehrenamtlich einbringen.“ Das ist dann wohl definitiv kein Zufall.

Gabi Debatin

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